Das Ratzeburger Mülleramt 1694 -1874

Im Gegensatz zu anderen Gewerken hat es bei den Müllern nur vereinzelt Gilden gegeben. Im Jahre 1692 erließ  Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der auch seit 1689 im Besitz des Herzogtum Lauenburgs war, eine "Verordnung und Reglement, wie es in unserem Fürstentum ... bei denen Aemtern und Gilden der Künster und Handwerker hinfüro zu halten sei..."  Zu dieser Zeit gab es im gesamten Fürstentum Braunschweig-Lüneburg nur das Mülleramt für die Ämter Harburg, Winsen und Moisburg.

Laut Auskunft der königlichen Regierung in Ratzeburg vom Februar 1720 haben die „hiesigen Müller“ im Herzogtum Lauenburg weder eine Zunftordnung noch ein „Amt abgehalten“. „Der Lüneburger Müller in der Lünen Mühlen aber hätte das Amt mit dem Müller zur Haarburg, allwo sie auf dem Sandkruge ihre Lade und Zusammenkunft hielten, vormahls gehalten, nebst dem Müller zu Blücher und Lauenburg.“ Deshalb bittet man die Lüneburger um eine Abschrift ihrer Zunftordnung, die dann auch für das Herzogtum Lauenburg angenommen werden soll. Sehr alt kann diese Zunftordnung allerdings auch nicht sein, denn noch 1696 wandten sich die Müller der Ämter Harburg und Moisburg vergeblich an die Landesherrschaft mit der Bitte, sie mit „Amts, Gilden und Zunft meßiger Gerechtigkit“ zu versehen, da u.a. ihre Gesellen sonst „oben im Reich“ nicht mehr recht für voll genommen würden.

Das "Lehrburschenbuch" des Mülleramtes zu Ratzeburg beginnt mit dem Jahr 1702: "In diesem Buch ist zu hindere stahmery der Jüngers welche Eingeschrieben sind Anfang Ostern 1702". Der erste Eintrag betrifft den Lehrburschen des Lauenburger Müllers Hans Jürgen Havemann.

Es finden sich zwei Siegel des Ratzeburger Mülleramtes das eine, 1822 verwendet, führt die Jahreszahl "1730" , das 1839 und danach verwendete die Jahreszahl "1694". Leider ist weder die eine noch die andere Zahl als Grundungsjahr bisher zu belegen, aber aus obigem Sachverhalt, darf man wohl das Jahr 1694 annehmen.

Das Mühlengewerk zu Ratzeburg fordert in einer Eingabe 1720, „daß die unzünftigen Müller weder auf eine herrschaftliche noch adelige Mühle bieten dürfen“. Das Amt lehnt ab, es will auch andere „Liebhaber“ als Müller zulassen. Der Pächter soll in dem Falle, dass er kein gelernter Müller ist, verpflichtet sein, einen beeidigten Gesellen zu halten. Das Müllergewerk sucht die Amtstube von der Biligkeit des Wunsches zu überzeugen und führt folgende gründe an:

1. die Gäste haben ein Recht auf fachgemäße Bedienung
2. kein zünftiger Geselle wird für einen Pfuscher arbeiten,
3. die Zunft würde aufgelöst; denn der Nachwuchs wird nicht die sauren Lehrjahre und die beschwerlichen Wanderjahre durchmachen.

Den Beamten scheinen auch diese Gründe nicht stichhaltig gewesen zu sein, sie weigern sich auch weiterhin, den Wünschen der Gilde rechnung zu tragen.

Am 16. August 1747 bittet der Müllermeister Matthaei in der Mühle zur Palm bei Lauenburg die Regierung um eine Besserung des Mühlenwesens, "weil soviel Müllerburschen allhier im Lande herumlaufen, deren keiner seine Lehrjahre gehörig ausgelernt, sondern nur von einer Mühle zur anderen laufe, auch weder Lehrbrief noch Kundschaft vorzeigen könne".

Die Untersuchung der Mülleramtsunterlagen ergab, dass es zu keiner Zeit im Herzogtum Lauenburg einen Gildenzwang gab. Vielmehr schien es sogar völlig frei zu sein auch bei welchem Mülleramt man sich einschreiben wollte. So sind in der Amtsrolle der Wittenburger Müller im benachbarten Mecklenburg auch diverse Lauenburger Amtsmüller zu finden, die ebenfalls ihre Lehrlinge und Gesellen dort anmeldeten, obwohl sie eindeutig in Lauenburg ansässig waren. Analog dazu finden sich in der Ratzeburger Amtsrolle auch eine große Anzahl an Müllern, die nicht im Herzogtum tätig waren. Dazu rechnet vor allem das ganze ehemalige Lübecker Staatsgebiet (Travemünde, Schlutup, Moisling, Niendorf, Büssau, Kücknitz, Behlendorf, Ritzerau, Utecht) aber auch benachbarte Holsteinische Müller in Schwartau, Stockelsdorf, Arfrade, Ahrensbök, Barnitz, Trittau bishin Nordoe bei Itzehoe und Mecklenburgische Müller hauptsächlich im ehemaligen Fürstentum Ratzeburg wie Lockwisch, Stove und Herrnburg zählen dazu.

Ein Abgleich der Mühlenpächter mit den eingetragenen Amtsmüllern ergab ebenfalls, dass eine große Anzahl an Lauenburger Müllern nicht in der Gilde beigetreten waren. Dies betrifft hauptsächlich Müller kleinerer Mühlen der adeligen Gerichte.

Mit der Einführung der Gewerbefreiheit 1873 endet auch das Ratzeburger Mülleramt. Der letzte Eintrag im Quartal-Geld-Einnahme-Buch stammt aus dem Jahr 1874.

Mühlenamtsmeister
1771    Sievers, Cornelius
1836    Wolgast, Johan, Lauenburg

Lademeister:
1753    Rahe, Michael, Mannhagen
1802    Meins, Hermann
1822    Vock, Rudolf

Alterleute:
1684    Sieden, von, Buso (noch nach Harburg)
1718    Fischer, August
1718    Havemann, Hans Jürgen
1732    Grube, Johann
1734    Strohkarck, Nicolaus
1736    Kreutz, Gottfried
1747    Matthiesen, Johann
1753    Otte, Michel
1753    Lentz, Heinrich
1781    Lierau, Johann Friedrich
1781    Michaelsen, Hans Jacob
1802    Kophal, Hinrich Josua
1802    Fischer, Andreas
1822    Meins, Hermann
1822    Iben, Daniel
1839    Meister, Jochim Hinrich
1839    Bendfeldt, Johann Friedrich
1857    Regenstein, Ludwig
1857    Penkow, Heinrich







Undatierter Zeitungsausschnitt im Grevesmühlener Meisterbuch 1877:

"Grevesmühlener Müllergewerkschaft. In Veranlassung der öffentlich ausgesprochenen Auflösung des Ratzeburger Mülleramts und weil wir der wohlbegründeten Meinung sind, daß man unter den gegenwärtigen Zeitströmungen sich einer Gewerkschaft fest anschließen muß, sowie auch daß Mitglieder des aufgelösten Ratzeburger Mülleramtes sich gerne einem anderen Amte anschließen würden – wenn auch nur deshalb, um ihre jungen Leute bei Beendigung der Lehrzeit mit einem von einem von einem ordentlichen Mülleramte ausgestellten Lehrbriefe versehen zu können – laden wir hier durch zu der am Montag, den 1. October d. J. im Schützenhause zu Grevesmühlen stattfindenden Michaelis Quartal-Versammlung mit dem ergebensten Bemerken ein, daß die früheren Mitglieder des Ratzeburger Mülleramts unentgeltlich eintreten können und daß wir Allen, welche dem hiesigen Mülleramte beitreten, sowie auch insbesondere ihren verehrten Damen recht herzliche Aufnahme bereiten werden. Gesellen und um Gesellwerden stehende junge Leute bitten wir mitbringen zu wollen. Grevesmühlen, den 19. Septbr. 1877 Der Gewerkschafts-Vorstand."